Tradition und Moderne im südlichsten Anbaugebiet der Republik 

Eine Stadt in der 150 Betriebe für den nationalen und internationalen Markt produzieren müsste eine Wirtschaftsmetropole sein. Weit gefehlt, die Rede ist von Tettnang, der kleinen Residenz oberhalb des Bodensees gelegen. Heute mit knapp 19.000 Einwohnern geprägt durch Handel und Kultur, Sitz global agierender und erfolgreicher Unternehmen der Autozuliefer- und Elektronikindustrie wie ifm, wenglor sensoric, Avira oder Vaude und damals wie heute landschaftlich geprägt durch die weithin sichtbaren Hopfengärten, dem ältesten Global Player der Stadt Tettnang, wie Bürgermeister Bruno Walter das Grüne Gold der Montfortstadt zu nennen pflegt. Denn weit über die regionalen Grenzen hinaus hat sich Tettnang durch den Hopfenbau einen Namen gemacht. Feinstes Aroma und eine zarte Bittere geben den Bieren einen unverwechselbaren Charakter und vermitteln so die einzigartige Kulturlandschaft zwischen dem Bodenseeufer und dem Allgäu.

Die Anfänge

Die im Vergleich zu anderen Anbaugebieten Deutschlands junge Geschichte des Tettnanger Hopfens ist in Ihren Anfängen die einer Notlage der Bevölkerung geschuldet. Die Landwirtschaft in Württemberg litt nach mehreren Missernten und wegen der verbreiteten Rinderpest, aber auch in Folge napoleonischer Kriege große Not. Dies sah auch König Wilhelm I (Begründer des Cannstatter Volksfestes). Er empfahl 1819 dringend den Hopfenbau. Bereits 1822 ordnete er in Hohenheim erste Hopfen-Versuche an. So ergriffen sieben Bürger der Stadt, noch heute nachzulesen auf einer gestifteten Ehrentafel und ihnen voran der in Tettnang wirkende Unteramtsarzt Dr. Fidelis von Lentz („wo Wein wächst müsste eigentlich auch der Hopfen gut gedeihen“), die Initiative und pflanzten 1844 den ersten Mustergarten in Tettnang. Binnen eines Jahrzehnts, zwischen 1847 und 1855, wurde der Bodenseeraum per Schiene gewissermaßen an den „Weltmarkt“ angeschlossen und förderte so die Entwicklung. Im Königreich Württemberg erreichte die berühmte „Schwäbische Eisenbahn“ von Stuttgart her den See, Bayern legte die Gleise von München nach Lindau, Österreich beförderte mit der Arlbergbahn bis Bregenz den osteuropäischen Raum in erreichbare Nähe. Offensichtlich stieg man nunmehr in Tettnang erst richtig in den Hopfenbau ein, war so doch die Anreise von Erntehelfern (Handpflücke bis ca. 1960) und der Abtransport des Doldengutes zu den Kunden und Märkten gewährleistet. 

Rasanter Aufschwung des Hopfenanbaus innerhalb weniger Jahrzehnte 

Um die Zeit als Fidelis von Lentz den Hopfenbau empfahl, gab es im Bereich des damaligen Städtchens Tettnang noch über 300 Hektar Weinbau und nur 3 Hektar Hopfenbau. Aber innerhalb eines Jahrzehnts schnellte die Hopfenfläche auf 91 Hektar und weitere zehn Jahre später (1874) hatte der Hopfen mit 400 Hektar den Weinbau schon weit überflügelt. Während der Weinbau immer weiter zurück ging expandierte der Hopfenbau weiter, erreichte 1884 rund 650 Hektar und pendelte sich sowohl über die Jahrhundertwende als auch während des Ersten und Zweiten Weltkrieges zwischen 550 und 700 ha ein. Israel Friedrich Wirth auf Gut Kaltenberg (genannt „Hopfenburg“) gilt als weiterer Pionier und Förderer des Tettnanger Hopfenbaus in dieser Zeit. Zahlreiche Erfindungen wie die Hopfentrocknung, Gerüstanlagenbau, Bodenbearbeitungsgeräte etc. gehen auf seinen Erfindergeist zurück, welchen er 1875 in „Wirths Hopfenbuch“ zusammenfasste. Ebenfalls 1875 holte er die erste Deutsche Hopfenausstellung nach Tettnang, initiierte Qualitätswettbewerbe und errang bei internationalen Wettbewerben regelmäßig Goldmedaillen für feinsten Aromahopfen aus Tettnang.  

 

Aufbruch und Moderne sowie Wachstum, Fortentwicklung und Konzentration

Nach 1945, als die Zwangsbewirtschaftung des Hopfenbaus zu Ende ging, entwickelte Tettnang sich auch international zum anerkannten Produzenten von hochfeinem Aromahopfen. 1947 organisierten sich die Pflanzer erstmals im neugegründeten Hopfenpflanzerverband Tettnang. Als Epoche der Mechanisierung müssen die Jahre 1950 – 1970 bezeichnet werden. 1956 trafen die ersten vier Hopfenpflückmaschinen in Tettnang ein. Im Jahre 1959 erreichte das Anbaugebiet Tettnang mit 1.382 Hopfenbaubetrieben die höchste jemals praktizierende Pflanzerzahl, allerdings bei nur 0,57 ha Hopfenfläche  je Betrieb (gesamt 785 ha). Zukunftsweisend für Züchtung und Forschung kennzeichnet das Jahr 1973, indem das Land Baden-Württemberg das heutige Hopfenversuchsgut Tettnang-Straß errichtete. Die konsequente Klonselektion der Sorte Tettnanger oder die weltweit erste „Produktion“ virusfreier Hopfenfechser 1984 sind nur wenige Beispiele und die Basis für die  Wettbewerbsfähigkeit des heutigen Anbaugebietes. 1975 dann die Gründung der Tettnanger Hopfenerzeugergemeinschaft, welche 2001 mit der HVG Elbe-Saale und der HVG Hallertau zur HVG Hopfenverwertungsgenossenschaft fusionierte. Die der Fläche nach größte Ausdehnung, bedingt durch Exporterfolge in den USA und Asien,
erreichte Tettnang im Jahre 1997 mit 1.659 ha Anbaufläche. Einen Quantensprung in nachhaltiger Produktion und Qualität stellte 1993 die Einführung der „Neutralen Qualitätsfeststellung (NQF)“ sowie die Integrierte Produktion (IP) dar. Ein Qualitätssicherungssystem unter dem Label Qualitätszeichen Baden-Württemberg (QZBW), die Einführung eines Pflanzenschutz-Monitorings 2011 sowie die Umsetzung eines Nachhaltigkeitskonzepts ab 2014 sind weitere konsequente Schritte auf dem Weg, TOP Qualität und Sicherheit den nationalen und internationalen Brauereikunden anzubieten und sicherzustellen. Markenschutz nach knapp 10 Jahren Prüfung erfolgte 2010 durch die Eintragung als geschützte geografische Angabe (ggA) bei der EU in Brüssel.  

Die Zukunft…

Tettnang definiert sich auch zukünftig in seiner ganzen Vielfalt als Aromahopfengebiet. In den neunziger Jahren erfolgte nochmals eine Zäsur, indem sich das Anbaugebiet entschied, neben den hochfeinen Landsorten Tettnanger und Hallertauer Mfr. auch weitere Zuchtsorten anzubauen. Diese Entscheidung führte zur Risikostreuung, entzerrte die Arbeitsspitzen und machte es möglich, den Kunden die gesamte Sortenvielfalt im „Tettnanger Feinkostladen“ anzubieten.  Nichts desto trotz bleibt die hochfeine Aromasorte Tettnanger mit rund zweidrittel der Anbaufläche die Kernkompetenz der Tettnanger Hopfenpflanzer, ergänzt um das Hüller Zuchtsortiment bis hin zu neuen Flavour Hops, welche seit 2012 angebaut werden. Die Tettnanger Hopfenpflanzer  werden auch weiterhin den engen Schulterschluss zu den treuen und langjährigen Kunden pflegen, sowie den Kontakt für neue, interessierte und kreative Brauer, sei es auf Messen und bei den Brauereien extern oder hier im Anbaugebiet vor Ort, suchen. Analog zur Konzentration in der Brauwirtschaft und beim Hopfenhandel werden auch die Tettnanger Betriebe weniger (man rückt enger zusammen, wenn die Betriebe weniger werden und das Umfeld sich verändert), dafür größer und leistungsfähiger. 150 Betriebe bewirtschaften so derzeit auf 1.200 ha (knapp 3% der Welthopfenfläche) eine jährlich Produktion zwischen 1.500 und 2.000 Tonnen, in der Regel kombiniert mit Obstbau in seiner ganzen Vielfalt im klimatisch begünstigten Bodenseeraum. Und sollte die Feststellung „kein Bier ohne Hopfen und kein Hopfen ohne Bier“ auch in den nächsten 170 Jahren seine Gültigkeit behalten, wofür einiges spricht, so wird feinstes Aroma aus Tettnang auch in der Zukunft den Weg in die Sudkessel dieser Welt finden, zur Verfeinerung der Bierspezialitäten im Premiumbereich.

Tettnang lebt – lang lebe Tettnang. Prost! 

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