Geschichte

175 Jahre Hopfenbau in Tettnang

Tradition und Moderne im südlichsten Anbaugebiet der Republik

Anfänge

Die im Vergleich zu anderen Anbaugebieten in Deutschland noch recht junge Geschichte des Tettnanger Hopfens ist in ihren Anfängen einer Notlage der Bevölkerung geschuldet. Die Landwirtschaft in Württemberg litt nach mehreren Missernten und wegen der verbreiteten Rinderpest, aber auch in Folge der napoleonischen Kriege, große Not. Dies bemerkte auch König Wilhelm I. (Begründer des Cannstatter Volksfestes). Er empfahl 1819 dringend den Hopfenbau. Bereits 1822 ordnete er in Hohenheim erste Anbauversuche an. So ergriffen sieben Bürger der Stadt, noch heute nachzulesen auf einer gestifteten Ehrentafel, und ihnen voran der in Tettnang wirkende Unteramtsarzt Dr. Fidelis von Lentz („Wo Wein wächst müsste eigentlich auch der Hopfen gut gedeihen!“), die Initiative und pflanzten 1844 den ersten Mustergarten in Tettnang. Binnen eines Jahrzehnts, zwischen 1847 und 1855, wurde der Bodenseeraum per Schiene gewissermaßen an den „Weltmarkt“ angeschlossen und förderte so die Entwicklung. Im Königreich Württemberg erreichte die berühmte „Schwäbische Eisenbahn“ von Stuttgart her den See, Bayern legte die Gleise von München nach Lindau, Österreich beförderte mit der Arlbergbahn bis Bregenz den osteuropäischen Raum in erreichbare Nähe. Offensichtlich stieg man nunmehr in Tettnang erst richtig in den Hopfenbau ein, war so doch die Anreise von Erntehelfern (Handpflücke bis ca. 1960) und der Abtransport des Doldengutes zu den Kunden und Märkten gewährleistet.

Rasanter Aufschwung des Hopfenanbaus innerhalb weniger Jahrzehnte

Um die Zeit als Fidelis von Lentz den Hopfenbau empfahl, gab es im Bereich des damaligen Städtchens Tettnang noch über 300 Hektar Weinbau und nur drei Hektar Hopfenbau. Aber innerhalb eines Jahrzehnts schnellte die Hopfenfläche auf 91 Hektar und weitere zehn Jahre später (1874) hatte der Hopfen mit 400 Hektar den Weinbau schon weit überflügelt. Während der Weinbau immer weiter zurück ging, expandierte der Hopfenbau weiter, erreichte 1884 rund 650 Hektar und pendelte sich sowohl über die Jahrhundertwende als auch während des Ersten und Zweiten Weltkrieges zwischen 550 und 700 ha ein. Israel Friedrich Wirth auf Gut Kaltenberg (genannt „Hopfenburg“) gilt als weiterer Pionier und Förderer des Tettnanger Hopfenbaus in dieser Zeit. Zahlreiche Erfindungen wie die Hopfentrocknung, der Gerüstanlagenbau, Bodenbearbeitungsgeräte etc. gehen auf seinen Erfindergeist zurück, welchen er 1875 in „Wirths Hopfenbuch“ zusammen gefasst hat. Ebenfalls 1875 holte er die erste Deutsche Hopfenausstellung nach Tettnang, initiierte Qualitätswettbewerbe und errang bei internationalen Wettbewerben regelmäßig Goldmedaillen für feinsten Aromahopfen aus Tettnang. 

Aufbruch und Moderne sowie Wachstum, Fortentwicklung und Konzentration

Nach 1945, als die Zwangsbewirtschaftung des Hopfenbaus zu Ende ging, entwickelte sich Tettnang auch international zum anerkannten Produzenten von hochfeinem Aromahopfen. 1947 organisierten sich die Pflanzer erstmals im neugegründeten Hopfenpflanzerverband Tettnang. Als Epoche der Mechanisierung müssen die Jahre 1950–1970 bezeichnet werden. 1956 trafen die ersten vier Hopfenpflückmaschinen in Tettnang ein. Im Jahre 1959 erreichte das Anbaugebiet Tettnang mit 1.382 Hopfenbaubetrieben die höchste jemals praktizierende Pflanzerzahl, allerdings bei nur 0,57 ha Hopfenfläche je Betrieb (gesamt 785 ha). Zukunftsweisend für Züchtung und Forschung ist das Jahr 1973 gekennzeichnet, indem das Land Baden-Württemberg das heutige Hopfenversuchsgut Tettnang-Straß errichtete. Die konsequente Klonselektion der Sorte Tettnanger oder die weltweit erste „Produktion“ virusfreier Hopfenfechser 1984 sind nur wenige Beispiele und die Basis für die Wettbewerbsfähigkeit des heutigen Anbaugebietes. 1975 erfolgte dann die Gründung der Tettnanger Hopfenerzeugergemeinschaft, welche 2001 mit der HVG Elbe-Saale und der HVG Hallertau zur HVG Hopfenverwertungsgenossenschaft fusionierte. Die der Fläche nach größte Ausdehnung, bedingt durch Exporterfolge in die USA und Asien, erreichte Tettnang im Jahre 1997 mit 1.659 ha Anbaufläche. Einen Quantensprung in nachhaltiger Produktion und Qualität stellte 1993 die Einführung der „Neutralen Qualitätsfeststellung (NQF)“ sowie die Integrierte Produktion (IP) dar. Ein Qualitätssicherungssystem unter dem Label Qualitätszeichen Baden-Württemberg (QZBW), die Einführung eines Pflanzenschutz-Monitorings 2011 sowie die Umsetzung eines Nachhaltigkeitskonzepts ab 2014 sind weitere konsequente Schritte auf dem Weg, Top-Qualität und Sicherheit den nationalen und internationalen Brauereikunden anzubieten und sicherzustellen. Der Markenschutz nach knapp zehn Jahren Prüfung erfolgte 2010 durch die Eintragung als geschützte geografische Angabe (ggA) bei der EU in Brüssel.

Die Zukunft

Tettnang definiert sich auch zukünftig in seiner ganzen Vielfalt als Aromahopfengebiet. In den neunziger Jahren erfolgte nochmals eine Zäsur, indem sich das Anbaugebiet entschied, neben den hochfeinen Landsorten Tettnanger und Hallertauer Mfr. auch weitere Zuchtsorten anzubauen. Diese Entscheidung führte zur Risikostreuung, entzerrte die Arbeitsspitzen und machte es möglich, den Kunden die gesamte Sortenvielfalt im „Tettnanger Feinkostladen“ anzubieten. 

Nichts desto trotz bleibt die hochfeine Aromasorte Tettnanger mit rund 60 % der Anbaufläche die Kernkompetenz der Tettnanger Hopfenpflanzer, ergänzt um das Hüller Zuchtsortiment bis hin zu neuen „flavor hops“, welche seit 2012 angebaut werden. Die Tettnanger Hopfenpflanzer werden auch weiterhin den engen Schulterschluss zu den treuen und langjährigen Kunden pflegen, sowie den Kontakt für neue, interessierte und kreative Brauer, sei es auf Messen und bei den Brauereien extern oder hier im Anbaugebiet vor Ort, suchen. Analog zur Konzentration in der Brauwirtschaft und beim Hopfenhandel werden auch die Tettnanger Betriebe weniger (man rückt enger zusammen, wenn die Betriebe weniger werden und das Umfeld sich verändert), dafür größer und leistungsfähiger. 132 Betriebe bewirtschaften so derzeit auf rund 1.400 ha (ca. 2,5 % der Welthopfenfläche) eine jährlich Produktion zwischen 2.250 und 2.750 Tonnen, in der Regel kombiniert mit Obstbau in seiner ganzen Vielfalt im klimatisch begünstigten Bodenseeraum. Und sollte die Feststellung „kein Bier ohne Hopfen und kein Hopfen ohne Bier“ auch in den nächsten 175 Jahren seine Gültigkeit behalten, wofür einiges spricht, so wird feinstes Aroma aus Tettnang auch in der Zukunft den Weg in die Sudkessel dieser Welt finden, zur Verfeinerung der Bierspezialitäten im Premiumbereich. 

Die Entwicklung des Tettnanger Hopfens

2019

Der Anbau von Hopfen in Tettnang feiert 175-jähriges Jubiläum

2015

Neue Hopfenflächen mit neuen Flavour-Sorten im Anbaugebiet für die weltweite Craftbier Bewegung nehmen stark zu.

2014

Einführung eines Nachhaltigkeitskonzepts für die Hopfenproduktion

2011

Einführung eines Pflanzenschutz-Monitorings

2010

Der Tettnanger Hopfen wird von der EU als geschützte geografische Angabe (g.g.A.) anerkannt

2001

Die Tettnanger EZG und die HVG Hallertau fusionieren zur HVG

1994

Anbaugebiet feiert 150-jähriges Bestehen, Buch „Grünes Gold – 150 Jahre Hopfenbau in Tettnang“ erscheint

1993

Einrichtung der „Neutralen Qualitätsfeststellung" und Umstellung auf die integrierte und kontrollierte Produktion

1984

Erste virusfreie Fechser aus Tettnang

1975

Gründung der Tettnanger Erzeugergemeinschaft

1973

Das Land Baden-Württemberg errichtet das „Hopfenversuchsgut Straß"

1950–1970

Epoche der Mechanisierung

1959

Eduard Adorno aus Tettnang wird Präsident der Deutschen Pflanzer

1956

Die ersten vier Hopfenpflückmaschinen in Tettnang

1949

Erste Hopfenkönigin in Tettnang

1947

Neugründung des heutigen Hopfenpflanzerverbandes

1940

Erster Schmalspurschlepper in Tettnang

Handpflücke, Geschichte des Hopfenanbaus in Tettnang

1937

1.329 Pflanzerfamilien ernten 25.462 Zentner

1925

Erstmals Peronospora und erste Motorspritze in Tettnang

1914

1.214 Pflanzer bewirtschaften 630 ha in etwa 700 Darren

1875

Erste Deutsche Hopfenausstellung findet in Tettnang statt

1865

Ab 1865 Der Hopfenbau-Pionier Israel Friedrich Wirth erwirbt das Gut Kaltenberg und entwickelt zahlreiche Neuheiten (Gerüstanlagen, Trocknung, Bodenbearbeitung usw.)

Hopfenverladen am Bahnhof in Tettnang in den 60er Jahren

1847–1860

Der Bodenseeraum und auch der Hopfen erhält durch die Eisenbahn Anschluss an den "Weltmarkt"

Gut Kaltenberg, Geschichte des Hopfenanbaus in Tettnang

1844

Erster Anbau von Hopfen in Tettnang